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Ich erzähle eine endlose Geschichte, während Jaap schweigend einen imaginären Faden zwischen seinen Fingern spannt. "Was ist hier der rote Faden?"
Während ich weiter um den heißen Brei herumrede, nimmt Jaap den Faden wieder auf. Er zieht ihn durch eine imaginäre Nadel und bewegt diese auf und ab entlang seines Arms. "Und wem versuchst du jetzt genau was anzudrehen?"
Als ich begann, meine Offenbarungen auch außerhalb unserer vertraulichen Gespräche zu teilen und Jaap begeistert von den Reaktionen darauf erzählte, sagte er: "Und das, Reijer, nennt man die Universalität des Problems: Teilen heilt!"
Jaaps Aussagen... ich könnte daraus ein kleines Büchlein machen.



Johan und ich haben uns eine Städtereise gegönnt und schlendern durch Huelva, die Hauptstadt der gleichnamigen andalusischen Provinz an der Atlantikküste. Ganz in der Nähe der portugiesischen Grenze, umgeben von Lagunen und Natur. Was für eine farbenfrohe Stadt! Belle-Époque-Architektur und Brutalismus wechseln sich ab. In den Parks blühen Jacarandas lila und Rosen rot. Wände sind beklebt mit Retro-Postern von Stierkämpfen und lokal gebrautem Bier. Die marmornen calles und plazas wirken verlassen.
Erst wenn die Glocken läuten, verstehen wir, warum wir als Einzige unter den hohen Palmen unterwegs sind. Aus der Kirche kommen niños und niñas in Kostümen, Matrosenanzügen und weißen Kleidern. Das Kindergekreische hallt an den Fassaden wider, eine Wolke aus Haarspray und schwerem süßem Parfüm, die um die Erwachsenen schwebt, erfüllt plötzlich die Straßen. Klar: Es ist jener Samstag im Mai, der Tag der Erstkommunion.
So wie Philips in Eindhoven deutlich seinen Stempel aufdrückte, tat dies hier das britische Bergbauunternehmen The Rio Tinto Company als großer lokaler Arbeitgeber ab Ende des 19. Jahrhunderts. Wir schlendern durch ein Arbeiterviertel im viktorianischen Stil, betrachten einen eisernen Pier, inspiriert von der Eiffelturm-Architektur, und fotografieren ein ehemaliges koloniales Grand Hotel, einst erbaut für Geschäftspartner und Investoren. Wir haben genug Fotos gemacht, sind mit der Architektur durch und stehen inzwischen ich-weiß-nicht-wo.
Es ist Mittagszeit!
Unsere Köpfe beugen sich über die Telefone. Streitend über Ziel und Weg navigieren Johan und ich zur traditionellen Küche Huelvas. Die finden wir in einer halben Stunde zu Fuß, mitten in der Stadt. Auf der Terrasse von Pura Huelva bestellen wir raciones para compartir: Pistazienpastete mit Mangokompot, Artischockenherzen mit Romesco-Sauce und Rührei mit Steinpilzen und Kastaniencreme. Köstlich!
Aus dem Trubel des vollbesetzten Restaurants kommt die Kellnerin wieder auf die Terrasse. In ihren Händen ein Teller mit einem riesigen Tintenfischarm. Johan zieht eine Grimasse. Ich schüttle den Kopf: "No, no, para nosotros no." Nachdem dieser pulpo ein zweites Mal angeboten wurde, entsteht eine Diskussion unter dem Servicepersonal und die Person, die die Bestellung aufgenommen hat, kommt zu unserem Tisch, um sich zu erklären.
In meiner Erinnerung sehe ich meinen Finger über die Speisekarte gleiten und unten links bei pulled pork stoppen, und ich höre sie noch bestätigen: "PULL PO," als ob ihre englische Aussprache nicht ganz richtig wäre.
Johan rollt mit den Augen, er sieht, wie ich langsam rot werde.
Während wir auf eine Alternative zum zurückgeschickten pulpo warten, herrscht bei Pura Huelva ein Kommen und Gehen exzentrischer Gäste der Kommunionfeier. Bei den señoras scheint der Hosenanzug angesagt zu sein: von knallrot, tailliert mit großem weißem Adidas-Logo auf dem Rücken, bis hin zu einem locker sitzenden Zebramuster oder einem Pierrot-Kostüm auf giftgrünen Plateauschuhen. Die Schuhe machen sie einen Kopf größer als ihren Freund: Typ Jody Bernal mit Goldkette und Hemd, das ein Stück zu weit geöffnet ist. "Que sí, que no, …" ja, er könnte sich jederzeit umdrehen und loslegen.
Die Matrosenanzüge sind inzwischen voller Essensflecken, Gras- und Schlammspritzern. Auch die Kleider sind längst nicht mehr weiß. Die Kinderköpfe sind aufgeheizt von Zucker und Spielen oder liegen völlig erschöpft im Schoß des Vaters.



Huelva! Wir haben die Stadt genossen, den Atlántico und die riesigen Navel-Orangen aus dem Obstgarten von Pedro, unserem Airbnb-Gastgeber. Nach unserer Städtereise machen wir einen Abstecher durch den Nationalpark Doñana und das eigenartige Städtchen El Rocío:
Ein einzelner Flamingo und ein Löffler. Sehr viele Vogelgeräusche. Pferde mit Fohlen. Sumpflandschaft im Süden Andalusiens, die ehrlich gesagt auch ein bisschen an die Niederlande erinnert. Straßen und Plätze mit staubiger Atmosphäre, weiße (Western-)Gebäude, Kirchen und Kapellen sowie kunstvolle keramische Bauornamente. Die Infrastruktur ist klar auf die Hunderttausenden Pilger ausgelegt, die bald zur Romería kommen. Aber jetzt: nur ein etwas korpulenter caballero zu Pferd, wahrscheinlich der diensthabende Sheriff des Städtchens, viele geparkte Autos, die ersten glänzenden Reisebusse, und leere Terrassen und Souvenirläden. Interessant, aber heute nicht unser Mittagessen. Schnell fahren wir zurück nach Almuñécar.
Huelva ist schon wieder eine Erinnerung.
Und ich merke, meine Gedanken gehen woanders hin.

Es ist Frühling. Die Geburtstage meines verstorbenen Vaters, meiner Mutter und meiner Schwester sowie die Todestage meiner Eltern liegen alle innerhalb eines Monats. Etwas liegt mir schwer im Magen, und ich merke, dass ich es lieber nicht fühlen möchte. In den Momenten allein, beim Spaziergang am Strand, beim Ausschauhalten nach Delfinen auf einem Felsen oder beim Nachdenken unter dem Vollmond, wandern meine Gedanken dennoch dorthin.
Eine Geschichte entsteht. Zuerst im Kopf, dann auf Papier. Ich teile sie hier.
70 Jahre jung, ein spritziges Abendessen. Am 25. Mai wäre sie 80 geworden. Das hätte sie locker geschafft, und noch zehn Jahre mehr: gesund, voller Energie und Lebensfreude.
Vor zwei Jahren ist sie aus dem Leben gegangen.
Meine schöne Mutter: meist jugendlich, strahlend, diszipliniert, aktiv und interessiert. Manchmal müde, niedergeschlagen und wenig empathisch. Sie wurde mit einer bipolaren Störung diagnostiziert, war aber dank Medikamenten jahrzehntelang stabil.
Im September 2022 sang Jaap Reesema Grijs bei Beste Zangers. Es berührte mich. Ich erkannte, dass ich trauerte, um den Verlust meiner Mutter, die noch da war. Nach dem Tod meiner Schwester setzte sie die Medikamente ab. Ihr Verhalten änderte sich. Sie stieß Menschen weg. Zuerst mich. Unsere schöne und intensive Mutter-Sohn-Beziehung endete abrupt. Und wie ein Ölteppich auch viele andere, für sie wichtige, Beziehungen.
Eine bipolare Störung: Der Patient leidet darunter, die Umgebung auch.
Ich habe mich an die psychiatrische Klinik gewandt. Meine Warnungen wurden ignoriert. Meine Hilfegesuche blieben unbeantwortet. Selbst während ihrer Zwangsmedikation wegen einer Psychose wurde ich nicht informiert. "Warum?" "Tja," antwortete die Sozialpflegerin, "das will Ihre Mutter nicht."
Rund um ihren eigenen Geburtstag (am Tag vor dem Geburtstag meiner Schwester) durfte sie entlassen werden. Nach dem Pfingstwochenende meldete sich meine Mutter nicht mehr bei der Klinik.
Ring, ring, ring...
Die einfühlsame Stimme des Klinikleiters folgte: "Wie geht es Ihnen? Wir rufen immer die Angehörigen an, wenn ein Patient Suizid begeht."
Die Zeit vergeht. Schon zwei Jahre ohne sie. Und wenn Sie mich fragen: Wie geht es jetzt? "Gut!" rufe ich fröhlich. Aber in mir spricht eine Stimme: "Ich sehne mich wieder nach dem Bild meiner Mutter." Es ist in diesem verdammten Jahr zerbrochen.
Oft erkenne ich ihre Züge in mir. Und klebe sofort Etiketten darauf. Ihr Bild vor meinem inneren Auge? Schnell schaue ich weg. Erinnerungen, die auftauchen, wandern sofort vom Vorder- zum Hintergrund.
Doch du bist in mir. Und ich bin von dir. Es gibt Arbeit zu tun, um damit wieder okay zu sein.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Mama, zu deinem achtzigsten Geburtstag.
Eines Tages stelle ich dein Foto wieder auf.



Für Flamenco am Montagabend gehen wir natürlich ins Restaurante La Traviesa in Salobreña, zusammen mit Freunden Jacqueline und Edwin, von denen auch die Fotos oben stammen. Wir hatten eine Dinnershow erwartet, waren selbst noch nie dort, empfehlen sie aber stets unseren Gästen, die ohne Ausnahme begeistert sind. Die Schweißperlen rollen über das Gesicht der Tänzerin, die rote Rose in ihrem Haar fällt fast heraus, und am liebsten würde ich aufstehen und das herunterhängende Ding wieder befestigen. Vielleicht hält mich ihr temperamentvoller Blick davon ab. Wie schön, so etwas in so einem kleinen Rahmen zu erleben!
Seufz. Nur dieser karikaturale französischsprachige Tisch mit sechzigjährigen zwischen uns und dem Flamenco. Das Gespräch läuft ungeniert weiter. "Sssst", ertönt es immer wieder aus dem Restaurant.
Unser Hauptgericht verschwindet hinter den Zähnen, die Tänzerin macht eine kurze Pause, ich drehe meinen Stuhl, setze mich dazu und nehme wieder Kontakt zu meinen Tischgästen auf. Auch hier etwas Ärger, vor allem über die dominante Französin in der Ecke. Johan hat deutlich sichtbaren inneren Spaß, er hat sicher wieder etwas gesehen oder gehört und eine Assoziation oder Fantasiebild gehabt. Strahlend lässt er sein Handy am Tisch herumgehen; auf dem Bildschirm eine TV-Figur aus seiner Jugend, also aus der guten alten Zeit. "Nun kann ich diese Frau wirklich nicht mehr normal ansehen!" entweicht ihm.
Es ist Koosje auf dem Bildschirm, eines der Schwesternpaare Jet und Koosje Veenendaal, Figuren von Van Kooten und De Bie. Und tatsächlich, da sitzt sie einfach am Tisch neben uns, mit derselben altmodischen grauen Frisur: einem geraden Pony und dem Rest hinter den Ohren mit Haarnadeln. Flache Brille und breites Gebiss. Kräftig, dominant, besserwisserisch und etwas zu präsent, wahrscheinlich ohne es selbst zu merken.
Während der segunda parte des Flamenco wird Koosje ungewollt im Vordergrund fotografiert: wie sie sich mit einem Schwung zum Flamenco dreht, um großzügig zu klatschen, und sich sofort wieder zu ihrem Teller zurückdreht. Wie sie dort in ihre langen Zähne beißt und wie ihr aufgestreckter Zeigefinger, der von links nach rechts wandert, fast ununterbrochen die Aufmerksamkeit des Servicepersonals und ihrer Tischgesellschaft fordert.
Manchmal ist das Leben einfach ein Sketch. Dieser Abend mit Koosje im Mittelpunkt.

Mittwochabend, 21.00 Uhr, Casa de la Cultura.
Eine zweite Flamencovorstellung in kurzer Zeit, mit derselben Gruppe.
Eloísa, die temperamentvolle ehemalige Besitzerin unserer Casa Larimar, bereits vorgestellt im spanischen Beitrag Fernando, erzählt über das Pueblo Gitano (Zigeunervolk) und die jahrhundertelange spanische Unterdrückung.
Die lokale Flamencoschule von Almuñécar tritt in buntfarbenen Kleidern auf und zeigt, wie vor 700 Jahren spanischer Boden betreten wurde: Ein fünfjähriges Tänzerinnenkind stiehlt zu Beginn die Herzen, die Schulleiterin glänzt in der Hauptrolle und die ergreifende Gesangsstimme gehört einem noch jugendlichen muchacho auf einem Hocker. Im Hintergrund auf der Bühne bewegen sich gelegentlich einige ältere Kursteilnehmer aus Nordeuropa, etwas steif, stets einen Tick zu langsam und ohne die nötige Leidenschaft. Sie ziehen meine Aufmerksamkeit immer wieder auf sich und bringen mich zum Unterdrücken von Lachanfällen. Und am Ende der Vorstellung, am Ausgang, nimmt ein junges Mädchen mit Down-Syndrom spontan ihren Moment mit einem Solo und stiehlt die Show.
Ooohh. Ich fühle einen kleinen Aufschrei in mir, gefolgt von dem Gedanken: Wie wenig Männer eigentlich. Vielleicht was für mich? Ich suche ja noch ein neues Hobby in Almuñécar.
Pueblo Gitano erzählt weiter von der erzwungenen Bekehrung zum Katholizismus, von Unterdrückung und Verfolgung. Während des Holocaust wurden viele nach Auschwitz deportiert, und erst kürzlich erkennt Spanien die Roma-Kultur als einen der Grundpfeiler der spanischen Kultur an. Vielleicht ist es diese Geschichte, die dafür sorgt, dass die OLÉS aus dem Publikum immer wie eine Entladung kommen, wie eine Schockwelle durch den Saal: Duende, eine Kraft, ein Kampf, von innen heraus und von den Fußsohlen aufsteigend, wie es der Dichter Lorca so schön ausdrückte.
Es ist nicht nur Geschichte, die Geschichte ist aktuell. In den Niederlanden darf man im Oktober wieder zur Wahl gehen, um für Toleranz zu stimmen. Jaaps Teilen heilt ist also immer noch aktuell. Wie viele Reaktionen habe ich auf den Beitrag über meine Mutter erhalten. Sie machen das, was hart geworden war, wieder weich. Und all unsere spanischen Turbulenzen der letzten Monate, und das waren einige, sind auf Sketche reduziert.
Hasta luego!
Johan & Reijer
Reijer Staats & Johan Pastoor | +31(0)6 - 28 27 1492 | contact@villa-andalusia.com | www.onthaasten.es
